Schattenrisse

Textinfo

Eine Treppe, die nach oben führt, und eine Frau die am Fuße der ersten Stufe steht. Bevor sie hochgeht, dreht sie sich noch einmal um. Was sieht sie da? Zunächst schaut sie den Betrachter an. Was sie sieht, wird ihm nicht offenbart, doch ahnt er es im Entsetzen ihres Gesichtes. Angst lähmt sie, schaltet die Treppe als Fluchtweg aus. Sie kann der Angst nicht ausweichen. Sie hält sie gefangen. Sie hat allein mit ihr zu tun und ihrem Geheimnis.

Durch den Säulenwald ihres Hauses, im grauen Zwischenton des Nichts, wirkt die Frau nicht anwesend. Das Gleichmaß der Dinge hat sie geschluckt. Mit dem Fächer in der Hand, ihrem wichtigsten Utensil, hat sie sich im Mauerwerk verewigt. Wer immer auch ihre Nachfolger sein werden, werden Fächer, wedelnd durchs Haus schwirren.

Die Frau mit der blauen Maske ist gleichzeitig anwesend und nicht anwesend. Ihr Körper ist sinnlich, präsent und gegenwärtig. Die Maske vermittelt das Gegenteil. Ihr Gesicht scheint einer anderen Welt anzugehören. Die Farbe Blau hat ein inneres Leuchten. Durch sie leuchtet etwas von ihrem Wesen.

Auch die Akkordeonspielerin passt nicht zum Schnee und passt auch nicht zum Mann neben ihr.Trotzdem ergeben sie eine Einheit. Es scheint, dass die beiden aus anderen Zeiten zueinander fanden.

Die Fenster des Schlosses spiegeln sich im See. In ihnen tauchen Gesichter auf, jedoch nur in der Spiegelung. Es wird mehr gespiegelt als da ist. Wie kann das sein? Welche Kräfte hat der See? Es sind Metaphern der eigenen Abgründe. Dort Menschen zu begegnen, die einen mit dem eigenen Selbst konfrontieren.

Kathrin Karras stellt sich in ihren Frauenfiguren dar. Es sind existenzielle Situationen aus dem Tiefkühlfach ihres Unterbewusstseins, die sich ins kryptische Verlies ihrer Erinnerungen einfroren. Die Fotografin deutet in ihren Bildern an und lässt die Dinge offen. Der Betrachter kann seinen Weg allein ins Bild finden.

Was haben diese Bilder mit Kino zu tun? Jeder Mensch trägt viele Erinnerungen in seinem Unterbewusstsein, von denen er nichts ahnt. Durch bildliche Spiegelungen nimmt er sie überhaupt erst wahr. Genau das stellt Kathrin Karras dar.

Karras zeigt Kino im ursprünglichen Sinn. Ihre Projektionen sind ihre eigenen Geschichten. Bei ihr sind Bilder Bewusstseinsräume, in denen ein Licht aufgeht. Jeder von uns ist hier um etwas zu lernen. Und sei es die Überwindung der Angst.

Gundula Schulze Eldowy, Fotografin, 2011